Samstag, 2. Mai 2009
Kindermund tut Wahrheit kund
gerhard stenkamp, 08:02h
Dieses herrliche Frühlingswochende hatte ich wieder einmal die Ehre und das Vergnügen im Kreise meiner Familie das sonntägliche Mittagsmahl einnehmen zu dürfen, gefolgt von einem ausgiebigen Spaziergang, sowohl der Verdauung dienend wie auch dem persönlichen Austausch über die Welt und deren Unterbestandteile.
Nach der obligatorischen Suppe gab es einen köstlichen Kaninchenbraten. Wie sehr wird doch das Fleisch des Kaninchens unterschätzt, leicht und wohlschmeckend, zart und gesund. Dazu Rotkohl, eine würzige Soße, Gurkensalat sowie einige Kartoffelkroketten, sitzend im warmen Frühlingslicht, das noch nicht der Abschirmung bedarf, da noch ohne alles Sommergleißen: mit allem Recht lässt sich von einem kulinarischen Genuß sprechen.
Das befördert auch die Konversationslust: jeder so nach seiner Art, der Hausherr, mein Schwager, neigt zum Schweigen, als wäre er vordringlich aufs Essen konzentriert, den Kopf leicht vorgebeugt bei jedem Bissen, um beim Abgleiten eines Nahrungsteiles die Beschmutzung des makellosen Hemdes von vornherherein zu verhindern, bekommt aber jede Gesprächspointe mit, wie sein häufiges plötzliches Auflachen beweist, eine der Schwestern ist umgekehrt von Schilderungen diversester Lebenssituationen und –probleme so eingenommen, daß die Nahrungsaufnahme teilweise deutlich hinter der der anderen zurückbleibt, und Carmen: die kleine, hübsche Carmen, mit ihren wohlgeformten dunklen Augenbrauen, ihrem noch so kindlichen Gesicht, deren Geist sich aber schon länger mehr und mehr dem Kindlichen zu entziehen sucht: sie hat angefangen über die Welt nachzudenken.
Mit den Fingern müht sie sich an einem Kaninchenhinterschenkel ab, ohne allerdings Tadel fürchten zu müssen, schließlich ist bekannt, dass die Anatomie eines Kaninchenhinterschenkels nicht ganz einfach und sein Verzehr nicht gleichzusetzen ist mit dem eines gewöhnlichen Steaks.
„Mamma“¸ in der einen Hand die Gabel, in der anderen den Schenkel, „Mamma, alle reden doch soviel vom Energiesparen.“
„Ja, das ist richtig, Carmen!“
„Warum lecken wir dann nach dem Essen nicht einfach alle unsere Teller ab, dadurch könnte man viel Energie sparen. Denk mal nur, wieviel Energie der Geschirrspüler braucht“
Grosse allgemeine Heiterkeit, allein die Mutter will nicht folgen:
„Carmen, ich bitte Dich, Du kannst uns hier gerne etwas zum Energiesparen erzählen, komm mir aber bitte nicht mit solch absurden Vorschlägen, das möchte ich nicht“ und an mich gewandt:
„Du darfst Dich jetzt auch wieder etwas beruhigen.“
„Ich würde mich ja gerne beruhigen, liebe Schwester. Doch ich stelle mir gerade vor, in unserer Kantine zu sitzen, der Vorstand ist auch da, schiebt sich allen Zivilisationsforderungen der westlichen Hemisphäre gehorchend das letzte Drittel eines Knödels in den Mund, während ich schon fertig mit dem Essen und nun zur „carmschen“ Energiesparmassnahme übergehe: ich nehme meinen Teller und lecke ihn ab, vor aller Augen lecke ich meinen Teller, danach begutachte ich mein Besteck, ob da nicht vielleicht doch noch ein Tröpfchen Soße, falls ja, lecke ich es auch ab, konzentriert und gewissenhaft.“
Carmen findet das toll und ruft: „Ja, ja, mach das, mach das bitte und dann erzählst Du mir alles.“
Ihre Mutter dagegen kann, sie kennt mich schließlich, in solchen Fällen, um einer weiteren Eskalation zuvorzukommen, sehr schnell und energisch die Notbremse ziehen.
„Ich habe Dich nicht eingeladen, damit Du hier den Clown spielst.“
Das verstehe auch ich, zwar hätte ich das gerne für Carmen noch ein wenig weitergesponnen, muss aber nun vom Vollgas runter und geschickt in die Kurve übergleiten.
„Liebe Carmen, schau mal: es gibt so etwas, das nennen wir Erwachsenen Konventionen und eine der Konventionen ist: du sollst deinen Teller nicht ablecken. Wenn ich das bei uns in der Kantine täte, würde man mich nicht mehr ernst nehmen. Man würde mir vorwerfen, das sei unhygienisch, was aber Unsinn, Biergläser werden meistens auch nur mit kaltem Seifenwasser gespült, öfters hast Du noch Lippenstift dran, das find ich unhygienisch.
Konventionen sind aber nicht auch immer logisch.
Du kannst Dir sicher sein, daß im Konzentrationslager sich niemand geschämt hat, seinen Löffel abzulecken oder seine Schüssel mit dem Finger durchzustreifen bis auch der letzte Rest an verwertbarem im eigenen Magen. Hätte sich im Konzentrationslager jemand dafür geschämt, seinen Löffel abzulecken, er hätte wahrscheinlich nicht überlebt.“
Allgemeines Schweigen!
„Carmen, wieviel Kleider hast Du?“
„Ich weiß es nicht, ich habe sie noch nie gezählt.“
„Mehr als zwei?“
„Ja natürlich, was denkst Du denn?“
„Siehst Du, Du könntest auch mit zwei Kleidern leben, eins trägst Du, das andere wird gewaschen und soweit mir bekannt hast Du auch noch Hosen, Pullover, Hemden: was für eine Energieverschwendung.“
Carmen schaut nachdenklich, meine Schwester ist`s zufrieden und sagt:
„Nun lasst uns endlich wieder über etwas anderes reden als über`s Tellerablecken, schließlich gibt es gleich Eis und da wünsche ich mir keinen Skandal!“ und lacht nun selbst auch einmal.
Nach der obligatorischen Suppe gab es einen köstlichen Kaninchenbraten. Wie sehr wird doch das Fleisch des Kaninchens unterschätzt, leicht und wohlschmeckend, zart und gesund. Dazu Rotkohl, eine würzige Soße, Gurkensalat sowie einige Kartoffelkroketten, sitzend im warmen Frühlingslicht, das noch nicht der Abschirmung bedarf, da noch ohne alles Sommergleißen: mit allem Recht lässt sich von einem kulinarischen Genuß sprechen.
Das befördert auch die Konversationslust: jeder so nach seiner Art, der Hausherr, mein Schwager, neigt zum Schweigen, als wäre er vordringlich aufs Essen konzentriert, den Kopf leicht vorgebeugt bei jedem Bissen, um beim Abgleiten eines Nahrungsteiles die Beschmutzung des makellosen Hemdes von vornherherein zu verhindern, bekommt aber jede Gesprächspointe mit, wie sein häufiges plötzliches Auflachen beweist, eine der Schwestern ist umgekehrt von Schilderungen diversester Lebenssituationen und –probleme so eingenommen, daß die Nahrungsaufnahme teilweise deutlich hinter der der anderen zurückbleibt, und Carmen: die kleine, hübsche Carmen, mit ihren wohlgeformten dunklen Augenbrauen, ihrem noch so kindlichen Gesicht, deren Geist sich aber schon länger mehr und mehr dem Kindlichen zu entziehen sucht: sie hat angefangen über die Welt nachzudenken.
Mit den Fingern müht sie sich an einem Kaninchenhinterschenkel ab, ohne allerdings Tadel fürchten zu müssen, schließlich ist bekannt, dass die Anatomie eines Kaninchenhinterschenkels nicht ganz einfach und sein Verzehr nicht gleichzusetzen ist mit dem eines gewöhnlichen Steaks.
„Mamma“¸ in der einen Hand die Gabel, in der anderen den Schenkel, „Mamma, alle reden doch soviel vom Energiesparen.“
„Ja, das ist richtig, Carmen!“
„Warum lecken wir dann nach dem Essen nicht einfach alle unsere Teller ab, dadurch könnte man viel Energie sparen. Denk mal nur, wieviel Energie der Geschirrspüler braucht“
Grosse allgemeine Heiterkeit, allein die Mutter will nicht folgen:
„Carmen, ich bitte Dich, Du kannst uns hier gerne etwas zum Energiesparen erzählen, komm mir aber bitte nicht mit solch absurden Vorschlägen, das möchte ich nicht“ und an mich gewandt:
„Du darfst Dich jetzt auch wieder etwas beruhigen.“
„Ich würde mich ja gerne beruhigen, liebe Schwester. Doch ich stelle mir gerade vor, in unserer Kantine zu sitzen, der Vorstand ist auch da, schiebt sich allen Zivilisationsforderungen der westlichen Hemisphäre gehorchend das letzte Drittel eines Knödels in den Mund, während ich schon fertig mit dem Essen und nun zur „carmschen“ Energiesparmassnahme übergehe: ich nehme meinen Teller und lecke ihn ab, vor aller Augen lecke ich meinen Teller, danach begutachte ich mein Besteck, ob da nicht vielleicht doch noch ein Tröpfchen Soße, falls ja, lecke ich es auch ab, konzentriert und gewissenhaft.“
Carmen findet das toll und ruft: „Ja, ja, mach das, mach das bitte und dann erzählst Du mir alles.“
Ihre Mutter dagegen kann, sie kennt mich schließlich, in solchen Fällen, um einer weiteren Eskalation zuvorzukommen, sehr schnell und energisch die Notbremse ziehen.
„Ich habe Dich nicht eingeladen, damit Du hier den Clown spielst.“
Das verstehe auch ich, zwar hätte ich das gerne für Carmen noch ein wenig weitergesponnen, muss aber nun vom Vollgas runter und geschickt in die Kurve übergleiten.
„Liebe Carmen, schau mal: es gibt so etwas, das nennen wir Erwachsenen Konventionen und eine der Konventionen ist: du sollst deinen Teller nicht ablecken. Wenn ich das bei uns in der Kantine täte, würde man mich nicht mehr ernst nehmen. Man würde mir vorwerfen, das sei unhygienisch, was aber Unsinn, Biergläser werden meistens auch nur mit kaltem Seifenwasser gespült, öfters hast Du noch Lippenstift dran, das find ich unhygienisch.
Konventionen sind aber nicht auch immer logisch.
Du kannst Dir sicher sein, daß im Konzentrationslager sich niemand geschämt hat, seinen Löffel abzulecken oder seine Schüssel mit dem Finger durchzustreifen bis auch der letzte Rest an verwertbarem im eigenen Magen. Hätte sich im Konzentrationslager jemand dafür geschämt, seinen Löffel abzulecken, er hätte wahrscheinlich nicht überlebt.“
Allgemeines Schweigen!
„Carmen, wieviel Kleider hast Du?“
„Ich weiß es nicht, ich habe sie noch nie gezählt.“
„Mehr als zwei?“
„Ja natürlich, was denkst Du denn?“
„Siehst Du, Du könntest auch mit zwei Kleidern leben, eins trägst Du, das andere wird gewaschen und soweit mir bekannt hast Du auch noch Hosen, Pullover, Hemden: was für eine Energieverschwendung.“
Carmen schaut nachdenklich, meine Schwester ist`s zufrieden und sagt:
„Nun lasst uns endlich wieder über etwas anderes reden als über`s Tellerablecken, schließlich gibt es gleich Eis und da wünsche ich mir keinen Skandal!“ und lacht nun selbst auch einmal.
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