Donnerstag, 30. April 2009
Shana in der Mensa
gerhard stenkamp, 21:34h
Shana in der Mensa
Den Weg zur Mensa legte er mit dem Fahrrad zurueck; auch wenn es nur wenige hundert Meter zu Fuss waren: alleine zu Fuß zu gehen fand er langweilig.
“Jenes Gedicht, Charybdis, weist mir einen neuen Weg.” dachte er für sich.
Die Blaetter der Platanen begannen sich herbstlich zu färben und bei jedem auch nur kleinen Windstoss taumelten sie vielfaeltig hinab im schwach gewordenen Sonnenlicht dieses schoenen Oktobertages. Als er die kleine Eingangstreppe in den Vorhof hinabschritt, wie immer Hoffnungen und Zweifel in sich miteinander ringend, prallte er ploetzlich fast zurueck: das laechelnde, schöne Engelsgesicht Shanas erblickend.
Er wusste, dass sie schon einige Zeit aus Kapstadt zurueck war, hatte sie aber bisher nicht getroffen, da auch der neue Freund mitgekommen war, Deutscher wie sie, aber in Südafrika arbeitend, wo sie sich kennengelernt hatten.
Mit ihrer Glockenstimme sagte sie "Hallo" und zoegerlich, fast aengstlich antwortete er ein wenig heiser ebenfalls "Hallo".
“Wie geht es Dir?”
“Gut, seit wann bist Du zurueck?”, seine Stimme ist ein wenig gepresst und er muss schlucken.
Sie lächelt ihn offen an, “Seit zehn Tagen”, “Gehst Du auch essen?” versuchte er sich zu fassen, “kann schon sein” war seine eigene Antwort im Kopf, “ist eine der Zweckbestimmungen einer Mensa”, sie aber lächelt weiter, “Fass dch endlich”, sein nächster innerer Gedanke.
Shana hatte ihn verlassen, IHN, fuer einen Mann, den sie in ihren Briefen zunaechst als den “unerotischsten Mann dieser Welt” bezeichnet hatte, da er nur seine Arbeit im Kopf habe, dass er in dem einen Jahr Südafrika, die er, als sie dort ankam, schon dort verbracht hatte, nicht ein einziges Mal am Strand gewesen sei!
Also praktisch das Gegenteil von ihm selbst.
Füer diesen Mann hatte Shana ihn verlassen und jetzt stand sie vor ihm, lächelnd, während sich auf seiner Stirn kleine Schweißtropfen bildeten.
Doch: auch sie schien berührt zu sein, ein rötlicher Schimmer auf ihrem blassen Engelsgesicht, der sie überflogen hatte: das war nicht nur die Kälte, nein, dazu kannte er sie zu gut: sie kam ihm nun wieder so unschuldig und begehrenswert vor.
“Lass uns zusammen essen gehen.”
“Wie geht es Deinem Freund?” (man weiss ja nie, vielleicht haben sie sich zerstritten)!
“Er hat sich jetzt endlich den Schnäuzer abrasieren lassen” (kein gutes Zeichen) “und gestern waren wir endlich einmal zusammen einkaufen. Ich habe ihn neu eingekleidet.” (sehr, sehr schlechtes Zeichen)!
Themenwechsel:
“Ich werde jetzt einen Gedichtband veröffentlichen:”
“Tatsächlich, wieviel Gedichte sollen darin erscheinen?”
“Sechzig bis achtzig” (wieder Schweissperlen, verdammt)
“Ja, das hört sich gut an, auch nicht zuviel, das wäre auch nicht gut!”
Erneut ihr offenes Lächeln, kein Hohn, kein Spott sondern der Wunsch, es moechte besser mit ihm gehen, die Hoffnung, inzwischen sei etwas eingetreten, das zwar zu spät komme, um sie zurückzugewinnen, das sie ihm aber aus noch verbliebener Liebe von ganzem Herzen wünschte.
Gedichte seien keine leichte Kost, einen Gedichtband könne man ja nicht lesen wie einen Roman. Sie schien sich jetzt fuer das Thema zu erwärmen! Ob er ihr sein bisheriges Schaffen zeigen wolle.
"Selbstverständlich", bei einem nächsten Treffen würde er ihr ein vorläufiges Manuskript überreichen.
Die letzten verbliebenen Zweifel bei ihr waren damit beiseitegewischt, ja gerne würde sie sich mit ihm treffen, am Freitag in einer Woche sei sie wieder in Köln, sie könnten sich dann nach ihrem Seminar im Cafe Kranich treffen.
Er war gerührt, das Gefühl eines tragisch schönen Schmerzes in sich wachsend fühlend.
Sie spazierten dann nach dem gemeinsamen Essen noch über das gefallene, so schön gefärbte Laub der Platanenallee, hinauf den kleinen Rasenhügel, mit dem Blick auf die langsam sich senkende Sonne, deren Licht die Ränder der Wolken hell und glänzend erscheinen liess, während ihr dunkles Inneres den Herbst und Winter kündeten: “ein Bild wie ein Symbol für meine Seele” dachte er, denn er getraute sich nicht, es ihr zu sagen.
Er brachte sie zur Strassenbahnhaltestelle und wollte sich von ihr verabschieden, doch da bat sie ihn mitzukommen, sie bis zum Bahnhof zu bringen.
Er stimmt zu, sie steigen ein, finden eine Bank fuer zwei, die noch frei, setzen sich. Da ergreift sie seinen Arm, hakt sich unter und schmiegt ihre Wange an seine Schulter, ohne ein Wort zu sagen.
Unsicher, ob er etwas sagen soll, überlegt er, doch wozu, er lässt sich gleiten und wartet, was weiter geschieht, und auch sie sagt nichts, drückt nur ab und an den Arm, schmiegt, bis sie am Bahnhof sind.
Beim Aussteigen fuehlt er sich beglueckt und beklommen, weiter schweigend gehen sie zum Bahnsteig, der Zug, IHR Zug, rollt lärmend und quietschend in den Bahnhof ein, die Lautsprecher plaerren mit Ansagen an- und abfahrender Zuege, Grosstadtgewimmel; Bahnhofsgewimmel, Tauben, mitten im Bahnhof, sie stehen einander bewegungslos gegenüber, schauen sich nur in die Augen, sprechen mit den Augen..
Schliesslich sagt er: "Du musst jetzt einsteigen", sie laechelt ihn an, und er presst, ohne zu denken, schliesslich hervor: "wenn Du mich so anlächelst, bekomme ich wieder den Wunsch, Dich zu küssen."
Da ueberfliegt tiefes Rot ihr Engelsgesicht und sie antwortet: "Wenn Du mich küsst, weiss ich nicht, was mit mir geschieht".
Ein schriller Pfiff laesst beide zum Zug blicken, der letzte Aufruf einzusteigen, "Du musst jetzt einsteigen" sagt er. Sie hebt die Arme: "Komm, schnell, umarme mich" und er umfasst sie, drückt sie und spürt, dass sie ihren Busen an ihn presst und ihre Hüften, sie sucht mit ihrem Mund die Haut seines Nackens und küsst ihn.
Der Schaffner steht in der Wagontür, sie läuft los, reisst ihn mit, steigt ein, zieht ihn mit hinein und sagt zum Schaffner:
“Dieser junge Herr hier versäumte es, rechtzeitig vor Fahrtantritt eine Fahrkarte zu erwerben, kann er das jetzt bei Ihnen nachholen”, und lacht laut auf.
Den Weg zur Mensa legte er mit dem Fahrrad zurueck; auch wenn es nur wenige hundert Meter zu Fuss waren: alleine zu Fuß zu gehen fand er langweilig.
“Jenes Gedicht, Charybdis, weist mir einen neuen Weg.” dachte er für sich.
Die Blaetter der Platanen begannen sich herbstlich zu färben und bei jedem auch nur kleinen Windstoss taumelten sie vielfaeltig hinab im schwach gewordenen Sonnenlicht dieses schoenen Oktobertages. Als er die kleine Eingangstreppe in den Vorhof hinabschritt, wie immer Hoffnungen und Zweifel in sich miteinander ringend, prallte er ploetzlich fast zurueck: das laechelnde, schöne Engelsgesicht Shanas erblickend.
Er wusste, dass sie schon einige Zeit aus Kapstadt zurueck war, hatte sie aber bisher nicht getroffen, da auch der neue Freund mitgekommen war, Deutscher wie sie, aber in Südafrika arbeitend, wo sie sich kennengelernt hatten.
Mit ihrer Glockenstimme sagte sie "Hallo" und zoegerlich, fast aengstlich antwortete er ein wenig heiser ebenfalls "Hallo".
“Wie geht es Dir?”
“Gut, seit wann bist Du zurueck?”, seine Stimme ist ein wenig gepresst und er muss schlucken.
Sie lächelt ihn offen an, “Seit zehn Tagen”, “Gehst Du auch essen?” versuchte er sich zu fassen, “kann schon sein” war seine eigene Antwort im Kopf, “ist eine der Zweckbestimmungen einer Mensa”, sie aber lächelt weiter, “Fass dch endlich”, sein nächster innerer Gedanke.
Shana hatte ihn verlassen, IHN, fuer einen Mann, den sie in ihren Briefen zunaechst als den “unerotischsten Mann dieser Welt” bezeichnet hatte, da er nur seine Arbeit im Kopf habe, dass er in dem einen Jahr Südafrika, die er, als sie dort ankam, schon dort verbracht hatte, nicht ein einziges Mal am Strand gewesen sei!
Also praktisch das Gegenteil von ihm selbst.
Füer diesen Mann hatte Shana ihn verlassen und jetzt stand sie vor ihm, lächelnd, während sich auf seiner Stirn kleine Schweißtropfen bildeten.
Doch: auch sie schien berührt zu sein, ein rötlicher Schimmer auf ihrem blassen Engelsgesicht, der sie überflogen hatte: das war nicht nur die Kälte, nein, dazu kannte er sie zu gut: sie kam ihm nun wieder so unschuldig und begehrenswert vor.
“Lass uns zusammen essen gehen.”
“Wie geht es Deinem Freund?” (man weiss ja nie, vielleicht haben sie sich zerstritten)!
“Er hat sich jetzt endlich den Schnäuzer abrasieren lassen” (kein gutes Zeichen) “und gestern waren wir endlich einmal zusammen einkaufen. Ich habe ihn neu eingekleidet.” (sehr, sehr schlechtes Zeichen)!
Themenwechsel:
“Ich werde jetzt einen Gedichtband veröffentlichen:”
“Tatsächlich, wieviel Gedichte sollen darin erscheinen?”
“Sechzig bis achtzig” (wieder Schweissperlen, verdammt)
“Ja, das hört sich gut an, auch nicht zuviel, das wäre auch nicht gut!”
Erneut ihr offenes Lächeln, kein Hohn, kein Spott sondern der Wunsch, es moechte besser mit ihm gehen, die Hoffnung, inzwischen sei etwas eingetreten, das zwar zu spät komme, um sie zurückzugewinnen, das sie ihm aber aus noch verbliebener Liebe von ganzem Herzen wünschte.
Gedichte seien keine leichte Kost, einen Gedichtband könne man ja nicht lesen wie einen Roman. Sie schien sich jetzt fuer das Thema zu erwärmen! Ob er ihr sein bisheriges Schaffen zeigen wolle.
"Selbstverständlich", bei einem nächsten Treffen würde er ihr ein vorläufiges Manuskript überreichen.
Die letzten verbliebenen Zweifel bei ihr waren damit beiseitegewischt, ja gerne würde sie sich mit ihm treffen, am Freitag in einer Woche sei sie wieder in Köln, sie könnten sich dann nach ihrem Seminar im Cafe Kranich treffen.
Er war gerührt, das Gefühl eines tragisch schönen Schmerzes in sich wachsend fühlend.
Sie spazierten dann nach dem gemeinsamen Essen noch über das gefallene, so schön gefärbte Laub der Platanenallee, hinauf den kleinen Rasenhügel, mit dem Blick auf die langsam sich senkende Sonne, deren Licht die Ränder der Wolken hell und glänzend erscheinen liess, während ihr dunkles Inneres den Herbst und Winter kündeten: “ein Bild wie ein Symbol für meine Seele” dachte er, denn er getraute sich nicht, es ihr zu sagen.
Er brachte sie zur Strassenbahnhaltestelle und wollte sich von ihr verabschieden, doch da bat sie ihn mitzukommen, sie bis zum Bahnhof zu bringen.
Er stimmt zu, sie steigen ein, finden eine Bank fuer zwei, die noch frei, setzen sich. Da ergreift sie seinen Arm, hakt sich unter und schmiegt ihre Wange an seine Schulter, ohne ein Wort zu sagen.
Unsicher, ob er etwas sagen soll, überlegt er, doch wozu, er lässt sich gleiten und wartet, was weiter geschieht, und auch sie sagt nichts, drückt nur ab und an den Arm, schmiegt, bis sie am Bahnhof sind.
Beim Aussteigen fuehlt er sich beglueckt und beklommen, weiter schweigend gehen sie zum Bahnsteig, der Zug, IHR Zug, rollt lärmend und quietschend in den Bahnhof ein, die Lautsprecher plaerren mit Ansagen an- und abfahrender Zuege, Grosstadtgewimmel; Bahnhofsgewimmel, Tauben, mitten im Bahnhof, sie stehen einander bewegungslos gegenüber, schauen sich nur in die Augen, sprechen mit den Augen..
Schliesslich sagt er: "Du musst jetzt einsteigen", sie laechelt ihn an, und er presst, ohne zu denken, schliesslich hervor: "wenn Du mich so anlächelst, bekomme ich wieder den Wunsch, Dich zu küssen."
Da ueberfliegt tiefes Rot ihr Engelsgesicht und sie antwortet: "Wenn Du mich küsst, weiss ich nicht, was mit mir geschieht".
Ein schriller Pfiff laesst beide zum Zug blicken, der letzte Aufruf einzusteigen, "Du musst jetzt einsteigen" sagt er. Sie hebt die Arme: "Komm, schnell, umarme mich" und er umfasst sie, drückt sie und spürt, dass sie ihren Busen an ihn presst und ihre Hüften, sie sucht mit ihrem Mund die Haut seines Nackens und küsst ihn.
Der Schaffner steht in der Wagontür, sie läuft los, reisst ihn mit, steigt ein, zieht ihn mit hinein und sagt zum Schaffner:
“Dieser junge Herr hier versäumte es, rechtzeitig vor Fahrtantritt eine Fahrkarte zu erwerben, kann er das jetzt bei Ihnen nachholen”, und lacht laut auf.
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