Freitag, 1. Mai 2009
Wiedersehen mit Shana
Shana

Er hatte Shana wie geplant getroffen. Sie laechelte wie beim letzten Treffen und erzaehlte, ihr Freund habe sie viel frueher zurueckerwartet und sei aufgeregt und zornig gewesen, dass sie ihn nicht angerufen hätte, um ihm mitzuteilen sie käme spaeter. Sie hatte ihn belogen, sie habe zufaellig eine Studienfreundin getroffen und darüber die Zeit vergessen.

Shana wird ihn dann liebkosend in den Arm genommen haben, über sein dunkelbraunes Haar streichelnd, das er nun nach ihrem Geschmack hatte schneiden lassen, wird ihm mit ihrem unschuldigen Engelsgesicht einen Kuss auf den Mund gegeben, der nun statt eines Schnäuzers sehr glattrasiert, denn ihre Gesichtshaut war sehr empfindlich und wurde schon durch leichtes Kratzen wund. - Wie hätte er ihr wiederstehen können?

Janus hatte noch eines seiner Gedichte für sie vorbereitet und wollte es ihr vorlesen, die ergriffene Betonung machte ja viel aus beim rechten Verständnis eines Gedichtes.

Die grosse Überfahrt

Wie möchten es die Menschen
dem vergelten,
der ihnen offenbart,
dass die Seele sterblich ist,

wie hoch schätzen den,
dessen Ziel
in so weiter Ferne,
dass es noch kein Aug' geschauet hat?

Doch Wahrheit ist das Tor
zu neuem Leben!
Möcht' das Schiff
auf dieser grossen Überfahrt
versinken,
so seien gegrüsst
aus unbekannten, schauerlichen Tiefen,
die einst vorüberfahren werden!


Doch bevor er mit dem Vortrag beginnen konnte, nahm sie ihm das Blatt aus der Hand und steckte es in ihre Mappe, lächelte und ergriff seine Hand!

"Du wirst es schon schaffen", sagte sie, halb hoffnungsvoll, halb mitleidig, ohne jede Spur,
dass sie die Trennung von ihm bereute, worauf er insgeheim gehofft hatte.

"Wir werden bald umziehen" fügte sie hinzu, nach Lüneburg! "Um Himmels willen, wieso denn nach Lüneburg", ihm kam das so vor, als sagte sie, sie ginge in ein Kloster!

"Mein Freund hat da einen neuen Job, als Finanzdirektor eines Betriebes fuer Nanotechnologie"!

Janus war geschockt: Finanzdirektor, wahrscheinlich verdiente er da mehr als zehntausend Euro, wird “Chef”, dieser unerotische Mann, hatte sie ja selbst mal so gesagt.

"Guten Morgen Herr Direktor", würde der Pförtner rufen, dienstbeflissen die Schranke zum Betriebsgelände öffnen und sein Käppi lüften, wahrend dieser unerotische Mann mit einem sportlichen BMW aus der Reihe XY, - was weiss ich denn, habe besseres zu tun als Motorzeitungen zu lesen- , Gas gab und seinen Wgen auf den nur für ihn reservierten Parkplatz abstellte, nicht weit vom Haupteingang, damit er nur ja keine Zeit verliere, denn seine Zeit ist kostbar und er ist wichtig;

Janus stand noch unter diesem Schock, als Shana fortfuhr:

"Ich muss", sie lachte, "Ach nein, ich muss nicht, ich will aber" und sie fasste seine Hand fester und steichelte mit dem Daumen über seinen Handrücken, "ich will Dir etwas sagen!" Sie machte eine etwas längere Pause, während er sie gespannt anschaute, vielleicht würde sie ja doch noch gestehen, dass sie ihn eigentlich noch immer liebte, trotz des Herrn Finanzdirektors, sie hatte ja auch einmal zu ihm gesagt, Liebe sei das Wichtigste im Leben, durch nichts, absolut nichts zu übertreffen.

"Ich bin schwanger!"

Ein leichter Ruck durchzuckte Janus, so als hätte er impulsiv seine Hand zurückziehen wollen, doch dann drückte er auch ihre Hand. Tränen stiegen in seine Augen und er sagte nur: "Ja!" und während er zur Seite schaute, drängte er die Traenen zurück, die ihm unwillkürlich in die Augen gestiegen waren.

"Ja" wiederholte er und schaute sie, soweit er es vermochte, gefasst an, er spürte, wie ein kleiner Muskel in seinem Kinn leicht zuckte.

"Ich freue mich so", sagte Shana, "ich weiss, eigentlich..." aber sie führte den Satz nicht zu Ende.

"Wir werden bald heiraten" fuhr sie fort, "deswegen erzaehle ich Dir das auch, denn Du weisst... Ich kann Dich nicht einladen!"

"Macht nichts" erwiderte er, der Muskel in seinem Kinn zuckte und sie streichelte seine Hände noch lange, mit einem ein wenig verklärtem Laecheln des gefundenen Mutterglücks!

Zwei Tage spaeter rief sie ihn mit ihrer Glockenstimme an und sagte, sie fände sein Gedicht schön und er solle weitermachen.

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